abgeltungsteuer.de Das Portal zur Abgeltungsteuer
Zertifikate

Kurzfristige Planspiele bei Zertifikaten

Die Haltefristen bei Zertifikaten werden deutlich kürzer. Dass liegt aber nicht daran, dass immer mehr Privatanleger zu kurzfristigen Zockern werden. Sondern in erster Linie am Steuerrecht.

Seit einiger Zeit ist am Zertifikatemarkt eine Trendwende zu beobachten. Produkte mit kurzfristigen Laufzeiten werden immer stärker nachgefragt. Grund: die Anfang 2009 eingeführte Abgeltungsteuer. Denn Gewinne mit Derivaten können seitdem nicht mehr nach einjähriger Haltedauer ohne Beteiligung des Fiskus verkauft werden. Auf das realisierte Plus fällt somit die Abgeltungsteuer von 25 Prozent an. Dafür lässt sich aber ein Verlust mit anderen Kapitaleinnahmen wie Zinsen oder Dividenden verrechnen. Daher müssen sich Anleger nicht mehr zwingend Zertifikate ins Depot legen, deren Fälligkeitstermin noch mindestens zwölf Monate entfernt ist.

Durch die kurzfristige Strategie ohne Steuernachteile brauchen Sparer ihre Kurserwartung nur binnen eines überschaubaren Zeitrahmens einschätzen, um beispielsweise die Effekte der Expresszertifikate auszunutzen. Liegt der erste Beobachtungstag nur ein halbes Jahr entfernt, lässt sich die versprochene Prämie im Gewinnfall schneller einstreichen. Ähnlich sieht es bei Bonuszertifikaten aus, wenn die vorgegebene Schutzbarriere nur einige Monate halten muss. Vom Ertrag kassiert das Finanzamt ein Viertel, unabhängig davon, ob dieser zügig oder erst nach Jahren eingefahren wird. Investoren müssen sich also in der jeweiligen Börsenphase keine Marktmeinung mehr für die kommenden 12 bis 36 Monate zutrauen.

Auch bei Discountzertifikaten ist ein verändertes Anlageverhalten hin zu kürzeren Laufzeiten zu beobachten. "Kurzlaufende Discountzertifikate erscheinen für viele Anleger besonders attraktiv, da sie zum Ende der Laufzeit den größten Zeitwertgewinn erzielen", so Nicolai Tietze, Derivateexperte vom X-Markets-Team der Deutschen Bank. "Ein weiterer Grund für die Beliebtheit der Kurzläufer ist, dass sich die Investoren eher eine Marktmeinung auf ein bis drei Monate bilden können als auf ein bis zwei Jahre."

Die Trendumkehr mit Einführung der Abgeltungsteuer bestätigt auch eine aktuelle Statistik der UBS Investment Bank aus Frankfurt. "Im umsatzstarken Segment der Discountzertifikate entscheiden sich Anleger mittlerweile für Produkte mit Laufzeiten von im Schnitt weniger als sechs Monaten", sagt Lars Reichel, Leiter des Zertifikategeschäfts der UBS in Deutschland.

Vor dem Jahreswechsel ließen sich Derivate mit derart kurzen Laufzeiten kaum verkaufen. Nunmehr profitieren Käufer von Discountzertifikaten mit überschaubaren Fälligkeitsterminen von einem Effekt, der sich aus der Konstruktion der Produkte ergibt.

Denn die Discountstruktur sorgt dafür, dass sich der Preis eines Zertifikats mit abnehmender Restlaufzeit stetig erhöht, selbst wenn sich der Preis des Basiswerts nicht verändert. Durch diesen Zeitwertverlust können Anleger binnen sechs Monaten eine deutlich bessere Jahresrendite als bei Fristen von bis zu drei Jahren einstreichen - vor und nach Steuern.

Kurzfristige Planspiele bei Zertifikaten

Es gibt für Discountzertifikate noch weitere Steuervorteile: Sie setzen wie Aktienanleihen auf seitwärts tendierende oder leicht fallende Kurse in der zugrunde liegenden Aktie und bieten mit Ausnahmen von begrenzen Gewinnen bessere Renditen als bei der Direktanlage. Ab 2009 fallen Zinsen und Gewinne gleichermaßen unter die Kapitaleinnahmen.

Während im Erfolgsfall Chancengleichheit besteht, kommt das Zertifikat im Verlustfall besser davon. Gibt es bei Fälligkeit die unter den Schwellenwert gefallenen Aktien anstelle des Nennwerts, kann der Anleger dieses Minus steuerlich nur beim Discount verwenden und über negative Kapitaleinnahmen Gewinne aus anderen Börsengeschäften oder Zinsen und Dividenden ausgleichen.

Bei der Aktienanleihe hingegen versteuert der Anleger sofort die hohen Zinsen, und der Umtauschverlust zählt erst einmal nicht. Denn der ehemals höhere Anschaffungspreis für die Anleihe geht als fiktiver Kaufkurs auf die erhaltenen Aktien über. Werden die anschließend mit Verlust verkauft, kann dieses Minus nicht mit anderen Kapitaleinnahmen, sondern nur mit Gewinnen aus Aktien verrechnet werden.

Hier kommt es also zu einer deutlichen Benachteiligung der Hochzinsanleihen. Selbst wenn der Saldo aus Zinsen und Kursverlust negativ ausfällt, behält die Bank auf den über Marktniveau liegenden Kupon Abgeltungsteuer ein. Beim Discountzertifikat wirkt sich das wirtschaftlich tatsächlich erzielte Minus als Verrechnungspotenzial mit anderen Kapitaleinnahmen aus.

Diese Regelung können Sparer auch mit Bonus- oder Expresszertifikaten nutzen. Während der ehemalige Verlust nur binnen Jahresfrist andere Spekulationsgewinne ausglich, gelingt das nun unabhängig von Haltefristen mit allen anderen positiven Kapitaleinnahmen. Insoweit beteiligt sich der Fiskus am Risiko deutlich stärker als vor Einführung der Abgeltungsteuer. Bei der Direktanlage in Aktien gelingt das überhaupt nicht. Hier dürfen Aktienverluste nur mit Gewinnen ausgeglichen werden.

Ohne zeitliche Umstellung sind Garantiezertifikate ins neue System gewechselt. Bei diesen Finanzinnovationen wurden realisierte Gewinne auch schon vor dem Jahr 2009 unabhängig von Haltefristen als Kapitaleinnahmen erfasst. Gewandelt hat sich lediglich der Tarif, von der individuellen Progression in den meist günstigeren Pauschaltarif von 25 Prozent.

von Robert Kracht

aus der FTD vom 23.09.2009
© 2009 Financial Times Deutschland

1
Haben Sie Fragen?
Ihr persönlicher Expertenrat zur Abgeltungsteuer!

Schreiben Sie eine E-Mail.
Abgeltungsteuerrechner
 
 
Ledige
Verheiratete
 
Bayern + BaWü
Andere Bundesländer
Keine Kirchensteuer
 
Newsletter
Newsletter
Top Schlagworte
Abgeltungssteuer Aktien Dab Doppelbesteuerungen, Drittstaaten, Einkommensteuer Schweiz, Vergangenheit, Verhandlungen, Wortlaut,
Top Artikel
Den Fonds fürs Leben finden
Den Fonds fürs Leben finden
Aktienanleihen profitieren von der Abgeltungsteuer
Aktienanleger müssen leiden
Abgeltungsteuer - ganz einfach    Was ist die Abgeltungsteuer?    Entwicklung der Abgeltungsteuer    Abgeltungsteuer international                 Impressum