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Zertifikate

Kleinanleger lassen den Bär tanzen

Wenn im Supermarkt die Preise steigen, findet das niemand gut. An der Börse schon. Doch die Baisse lässt auch Privatanleger umdenken. Im vergangenen Jahr haben sie gelernt, am Crash zu verdienen.
Das Wetten auf fallende Kurse ist für viele Privatanleger zur Normalität geworden. Im vergangenen Jahr wurden an der Stuttgarter Börse erstmals über einen längeren Zeitraum mehr sogenannte Short-Papiere gehandelt als Long-Zertifikate, mit denen Anleger an steigenden Kursen teilhaben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Münchner Instituts für Zertifikate-Analyse (IZA), die der FTD vorliegt.

"Die breite Masse denkt beim Anlegen stets an steigende Kurse", sagt Institutsleiter Florian Roebbeling. "Daher kommt die Tatsache, dass 2008 mehr Volumen in Short-Papieren als in Long-Produkten umgesetzt wurde, schon einer kleinen Kulturrevolution gleich."

Das IZA nahm alle Transaktionen mit Optionsscheinen und Turbozertifikaten auf den Dax unter die Lupe, die seit 2004 an der Stuttgarter Börse, dem Marktführer beim Umsatz mit verbrieften Hebelprodukten, getätigt wurden. Orders mit mehr als 100.000 Euro blieben außen vor, um mögliche Engagements institutioneller Anleger auszuschließen. Übrig blieben so die Transaktionen eigenverantwortlich handelnder Anleger, sogenannter Selbstentscheider, denn Finanzberater werden ihren Kunden keine Hebelprodukte empfehlen.

In den letzten fünf Jahren betrug der Anteil der Short-Produkte am Gesamtumsatz 42 Prozent, zeigt die Studie. 2008 lag er signifikant höher bei 53 Prozent. Im zweiten Halbjahr, als sich die Talfahrt an den Börsen beschleunigte, machte er sogar 57 Prozent aus. Zwar hatte schon Mitte 2007 das Short-Volumen das Long-Volumen überschritten, diese Spitze sei jedoch auf Umsätze eines einzelnen Emittenten zurückzuführen und deshalb nicht repräsentativ, so Roebbeling.

"In den Jahren 2004 bis 2007 bewegte sich der Umsatzanteil der Short-Derivate unabhängig vom Dax", sagt Roebbeling. "Für 2008 aber lässt sich plakativ sagen: Fällt der Markt, steigt der Anteil der Short-Produkte." Einen weiteren Zusammenhang erkannte das IZA zwischen dem Umsatz mit Short-Papieren und dem Volatilitätsindex VDax-New, der die erwartete Schwankungsbreite des Dax misst. "Die Volatilität ist ein guter Indikator für die Nervosität am Aktienmarkt", sagt Roebbeling. "Deshalb ist es nur konsequent, dass die Anleger in volatilen Phasen stärker auf fallende Kurse setzen."

Kleinanleger lassen den Bär tanzen

Roebbeling und seine Kollegen vom IZA hat überrascht, wie gezielt und diszipliniert die Anleger im vergangenen Jahr Short-Zertifikate eingesetzt haben. "Das hat viel weniger mit planloser Rumzockerei zu tun, als viele meinen", sagt er. Aus der Studie lasse sich zwar nicht ablesen, ob Anleger mit Short-Produkten tatsächlich Geld verdient haben. "Aber immerhin waren die Grundlagen dafür gelegt", so Roebbeling. "Und genau da, wo theoretisches Wissen und diszipliniertes, überlegtes und methodisches Handeln aufeinandertreffen - wie das 2008 der Fall war -, wird in aller Regel auch Geld verdient."

Heiko Weyand, Abteilungsleiter Zertifikate bei HSBC Trinkaus, kann in den Zahlen noch keinen richtigen Kulturwandel erkennen: "Die Kunden kaufen immer noch mehr Calls als Puts, setzen also eher auf steigende als auf fallende Kurse", sagt er für sein Haus. Er schätzt das Verhältnis auf rund 60 zu 40. "Eines hat sich allerdings verändert: Fallen die Märkte, agieren Anleger inzwischen prozyklischer und kaufen kurzfristig deutlich mehr Puts als Calls." Nicolai Tietze vom Zertifikateteam der Deutschen Bank vermutet, dass viele Privatinvestoren 2008 auf Trends gesetzt und daher stärker als sonst auf fallende Kurse spekuliert haben. "Insgesamt aber fühlen sich Anleger nach wie vor mit steigenden Notierungen wohler", sagt Tietze. "Daher würde ich 2008 eher als Ausnahme sehen." Short-Papiere seien fast ausschließlich auf Indizes wie den Dax gefragt, jedoch kaum auf Einzelwerte.

Grégoire Toublanc, Leiter des Zertifikatevertriebs bei BNP Paribas, überrascht das Ergebnis der IZA-Studie nicht: "Schon in früheren Bärenmärkten haben wir beobachtet, dass aktive Anleger stark auf Short-Papiere setzten." Anders als früher sei aber zu bemerken, dass sich Privatinvestoren inzwischen auch bei Anlagezertifikaten an Papiere auf fallende Kurse wagen. So machten BNP zufolge Reverse-Bonuszertifikate 2007 weniger als fünf Prozent aller Umsätze mit Bonuspapieren aus, 2008 waren es schon elf Prozent. 2009 beträgt der Anteil bislang fast 23 Prozent.
 
von Bernd Mikosch
Aus der FTD vom 06.05.2009
© 2009 Financial Times Deutschland

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