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Anleihen

Die EZB und der nächste Sündenfall

Die Europäische Zentralbank springt Griechenland bei - und akzeptiert hellenische Anleihen als Sicherheit. Die Glaubwürdigkeit der Institution ist deshalb angekratzt. Spekuliert wird über den nächsten Schritt: den Kauf von Staatsanleihen. 
Die Griechenlandkrise könnte die Europäische Zentralbank (EZB) nach Einschätzung von Marktbeobachtern zum Aufkauf von Staatsanleihen bewegen. "Die Nuklearoption wird verstärkt im Markt diskutiert", schrieben die Volkswirte von Société Générale in einem Researchbericht. "Das wäre eine glaubwürdige Strategie. Dadurch würde sich die Liquidität erhöhen. Das Ungleichgewicht von Käufern und Verkäufern könnte so korrigiert werden." Die Zinssitzung am Donnerstag dürfte für die EZB ein Spießrutenlauf werden. Seitdem die Zentralbank - entgegen Aussagen ihres Präsidenten Jean-Claude Trichet zu Jahresbeginn - für das hochverschuldete Griechenland Ausnahmen traf und hellenische Staatsanleihen unabhängig vom Rating als Sicherheiten akzeptiert, wird nichts mehr ausgeschlossen. "Nichts scheint unmöglich!", schrieben die Anleihestrategen der Commerzbank. Naheliegende Optionen wären: Käufe europäischer Staatsanleihen und die Wiedereinführung von Sechs- und Zwölfmonatstendern zur Stützung des Bankensystems.
Mit einer Ankündigung in diesen Fragen wird nicht gerechnet. Trichet werde sich alle Optionen offen halten, so die Einschätzung der Experten. Den Leitzins wird die EZB nach einhelliger Meinung der Beobachter auf dem historischen Tief von 1,0 Prozent belassen.
Staatsanleihekäufe wären für die EZB ein Novum. Bislang startete sie "nur" Käufe von besicherten Anleihen ("Covered Bonds") im Umfang von 60 Mrd. Euro. Andere Zentralbanken dagegen haben Erfahrung und griffen im Zuge der Krise zu diesem Mittel. Die US-Notenbank Federal Reserve erwarb für 300 Mrd. $ US-Treasuries, die Bank of England für 200 Mrd. Pfund britische Gilts. Das Ziel: Die Renditen zu stabilisieren und dadurch dem Staat eine sichere Refinanzierung zur ermöglichen.
Der direkte Kauf von Staatsanleihen ist der EZB und den nationalen Euro-Notenbanken aber verboten. Artikel 123 des Lissaboner Vertrags untersagt explizit Kredite an Staaten oder den Kauf ihrer Schuldtitel. Die EZB könnte solche Anleihen jedoch am Sekundärmarkt erwerben, also solche, die bereits gehandelt werden.
Innerhalb der EZB dürften Staatsanleihekäufe kritisch gesehen werden. Offiziell ausgeschlossen wurden sie indes nicht. EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark sagte, der Kauf griechischer Bonds sei "kein Thema, das derzeit diskutiert wird". Das "derzeit" ließ einige aufhorchen. "Die EZB könnte zu dieser 'Nuklearoption' greifen, um einen Schuldenkollaps in Südeuropa zu verhindern", schrieb BNP-Paribas-Experte Ken Wattret. "Eine der Schlüssellehren der Krise lautet, dass Zentralbanken häufig zu einer Politik greifen müssen, die anfangs nicht als wahrscheinlich galten. Nichts kann ausgeschlossen werden, wenn sich das Rettungspaket für Griechenland als ungenügend erweist", so Wattret.
Aus Sicht von Karsten Junius, Volkswirt bei der Dekabank, würde die EZB mit dem Kauf griechischer Staatsanleihen "unkalkulierbare" Risiken auf die eigene Bilanz nehmen. Zwar würden mögliche Verluste mit den monetären Einkünften verrechnet werden beziehungsweise den nationalen Zentralbanken und Regierungen belastet. Auch könne die EZB ihr Kapital erhöhen, "ohne dass die nationale Politik sich dem widersetzen könnte". "Eine politisch sehr heikle Entscheidung wäre es aber zu bestimmen, von welchen Ländern Staatsanleihen in welchem Ausmaß gekauft würden", sagte Junius.

Die EZB und der nächste Sündenfall


Sollte sich die EZB dennoch dazu durchringen, wäre ihre Glaubwürdigkeit stark erschüttert: "Ein Kauf von Staatsanleihen wäre eine direkte Finanzierung übertriebener Haushaltsdefizite, was der Bundesbank und der deutschen Regierung ein Gräuel ist", sagte Marco Annunziata, Chefvolkswirt bei Unicredit. Eine der möglichen Folgen sehen die Société-Générale-Experten in einem Euro-Ausverkauf: "Solche eine quantitative Lockerung würde die Glaubwürdigkeit der EZB unterminieren. Der Euro würde einbrechen." Eine weitere Option ist die Wiedereinführung von Sechs- und Zwölfmonatstendern. Die EZB hatte die langfristigen Kredite im Zuge der Krise eingeführt, um die Banken mit Liquidität zu versorgen. Inzwischen stellten sie beide Tender wieder ein. Eine Kehrtwende wäre aus Sicht der Société-Générale-Experten unwahrscheinlich, aber denkbar: "Zeichen, dass auf dem Geldmarkt wieder Spannungen auftreten, häufen sich", schrieben sie. "Warum also nicht? Allerdings wäre solch ein Schritt voreilig."
Als ein Indikator für den Stress auf dem Geldmarkt dient der Overnight-Index-Swap-Spread (OIS-Spread). Er gibt an, inwiefern die Banken sich gegenseitig vertrauen und Geld leihen. Er misst den Risikoaufschlag zwischen dem dreimonatigen Interbankensatz Libor und beinahe risikolosen Übernachtkrediten. Laut den Brokern Tullett Prebon und Icap kletterte der OIS-Spread in Europa diese Woche auf den höchsten je verzeichneten Stand. Selbst nach der Lehman-Pleite war der OIS-Spread tiefer. 
Als weiteres Indiz für eine wiederkehrende Anspannung dient das Ausmaß der Übernachtkredite. Laut Tullett Prebon und Icap entfielen zuletzt 90 Prozent des 450 Mrd. Euro großen täglichen Umsatzes auf dem europäischen Geldmarkt auf solche kurzfristigen Darlehen. "Das Gegenparteienrisiko hat sich erheblich vergrößert. Das erschwert gerade kleineren Banken aus Portugal und Spanien die Kapitalaufnahme", sagte Don Smith, Volkswirt bei Icap, der Financial Times. "Es herrscht keine Panikstimmung wie zu Zeiten der Lehman-Pleite. Aber es gibt Warnsignale."
"Die steigenden Ausfallrisiken von Staaten der Euro-Zonenperipherie drücken den Wert von Sicherheiten, die Banken sich gegenseitig zur Verfügung stellen können. Das verringert die Liquidität und belastet Aktien- und Anleihenkurse", sagte Lena Komileva, Volkswirtin bei Tullett Prebon. "Der Markt sorgt sich um die Kapitalausstattung der Banken. Die Situation könnte sich noch verschlimmern", sagte Komileva.

Von Tobias Bayer - Frankfurt
06.05.2010
© 2010 Financial Times Deutschland

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