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Warum Bella Italia vom Kapitalmarkt verschont wird

Griechenland, Portugal und Spanien werden seit Wochen von den Investoren kritisch beäugt. Für das hochverschuldete Italien gilt das nicht. Ministerpräsident Berlusconi jubelt - und hat die günstige Situation vor allem seinem Finanzminister zu verdanken.
Silvio Berlusconi mag gerade im Ausland einen zweifelhaften Ruf haben. Doch der italienische Ministerpräsident hat berechtigen Grund zum Jubeln, zumindest aus finanzieller Sicht: Sein Land kommt bisher nahezu ungeschoren durch die Krise der sogenannten PIIGS-Staaten. Neben Italien sind das Portugal, Irland, Griechenland und Spanien.
"Die Märkte schenken uns ihr Vertrauen", sagt Berlusconi. "Wir werden von der internationalen Gemeinschaft geachtet." Einen Seitenhieb auf die anderen leidgeplagten Länder kann sich Roms Regierungschef nicht ersparen: "Die vier Staaten in Schwierigkeiten sind viel schlimmer dran als wir." Bella Italia. Berlusconi, nicht gerade bekannt als Mann von Bescheidenheit, übertreibt in diesem Fall nicht: Während die Investoren Griechenland regelrecht abstrafen, gehen sie mit Italien milde um. Der Aufschlag bei fünfjährigen Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) auf Griechenland beträgt momentan 296 Basispunkte. Die Differenz im Fall Italiens liegt bei nur 92 Basispunkten. Das bedeutet: Um italienische Anleihen im Wert von 10 Mio. $ zu versichern, muss ein Anleger jährlich 92.000 $ an Versicherungsprämie bezahlen, bei griechischen 296.000 $.
Auf den ersten Blick ist das überraschend. Denn Italien steckt tief in den roten Zahlen. Die Schulden der Südeuropäer werden dieses Jahr nach Schätzung der EU-Kommission auf 117 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) anschwellen. Nur Griechenland ächzt noch unter einer noch höheren Last an Verbindlichkeiten. Die italienische Wirtschaft stagniert beziehungsweise schrumpft leicht. Im vierten Quartal ging das BIP um 0,3 Prozent gegenüber der Vorperiode zurück. 2009 war die Wirtschaftsleistung um 5,1 Prozent eingebrochen.
Dass der Kapitalmarkt trotzdem an Italien glaubt, hat Berlusconi unter anderem seinem Finanzminister zu verdanken. "Giulio Tremonti hat die Finanzen fest im Griff", schreiben die Analysten von Goldman Sachs in einer Analyse. "Das Land hat die Finanzkrise überstanden, ohne dass die Schuldenlast über das langfristig zu bewältigende Niveau gestiegen wäre."
Tremonti hielt sich mit Konjunkturpaketen zurück. Zwischen 2008 und 2011 belaufen sich die stützenden Aktivitäten gerade einmal auf 2,3 Prozent des BIP. Unter anderem führten die Italiener eine Abwrackprämie nach deutschem Vorbild ein, stellten bis zu 550 Mio. Euro für den Ausbau des Breitbandnetzes bereit und verzichteten auf Ausgabenkürzungen oder Steuererhöhungen. Zugute kam Rom dabei auch, dass die Banken nicht mit Milliardensummen gerettet werden mussten, weil sie aufgrund ihres Geschäftsmodells von den Turbulenzen am Weltmarkt kaum betroffen waren.

Warum Bella Italia vom Kapitalmarkt verschont wird

 
2009 lag das Haushaltsdefizit Italiens dementsprechend bei 5,3 Prozent des BIP. Das ist nur die Hälfte der Fehlbeträge in Portugal, Irland, Griechenland und Spanien. Das wird dieses Jahr wahrscheinlich auch so bleiben. Das Isea Institute rechnet für 2010 mit einem Defizit von 5,1 Prozent, 2011 von 4,6 Prozent.
Ein weiterer positiver Faktor sei die geringe Verschuldung des Privatsektors, sagt Unicredit-Volkswirt Marco Annunziata. Für ihn spielt Italien in einer eigenen Liga: "Die Kombination aus hohen privaten Ersparnissen und einem geringen Haushaltsdefizit führt dazu, dass sich Italien in einer wesentlich stärkeren Position befindet. Wenn man über die PIIGS-Staaten spricht, sollte Italien ausgeklammert werden", sagt Annunziata. Die Ratingagenturen sind zufrieden. Standard & Poor's (S&P) bewertet Italien mit "A+" bei stabilem Ausblick. Moody's zückt die Note "A2", ebenfalls mit stabilem Ausblick. "Wir gehen davon aus, dass sich die Schuldenlast 2010 stabilisiert und dann ab 2012 sinken wird", urteilt S&P im aktuellen Bericht. Allerdings ist der Schuldenberg immer noch enorm hoch: Die Bonitätswächter beziffern ihn mit 116 Prozent des BIP. Das sei viermal so viel wie der Durchschnitt unter den mit der Kategorie "A" bewerteten Länder. Größte Herausforderung für Italien ist die geringe Wachstumsdynamik. Die Volkswirte von JP Morgan Chase rechnen für 2010 und 2011 mit einem Zuwachs um 1,1 Prozent und 1,7 Prozent. Damit sind sie deutlich pessimistischer als für die gesamte Euro-Zone. Hier erwarten sie ein Plus von 1,6 Prozent und 2,1 Prozent.
Noch skeptischer sind die Experten von Morgan Stanley. Sie rechnen mit einem Zuwachs von 0,7 Prozent und 1,1 Prozent. "Wir sind klar pessimistischer als der Konsens", schreiben sie in einer Analyse. "Im ersten Quartal gehen wir vor einer sehr schleppenden Erholung aus." Insbesondere das Auslaufen eines Steuergutscheins auf Ausrüstungsinvestitionen werde das Wachstum abschwächen. "Vor 2011 wird das Wachstum nicht wirklich anziehen."
Für Berlusconi, der sich in seinem Erfolg sonnt, brechen härtere Zeiten an. Die Italiener sind mit ihrem Ministerpräsidenten weniger zufrieden als der Kapitalmarkt. Laut einer Umfrage von IPR Marketing sank die Zustimmung im März von 46 auf 44 Prozent - selbst wenn ein "I" in "PIIGS" nichts zu suchen haben mag.

Von Tobias Bayer, Frankfurt
FTD.de, 12.03.2010
© 2010 Financial Times Deutschland

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